Genogrammanalyse

Im BSDR Coaching arbeiten wir je nach Themenstellung auch mit der Genogrammanalyse, um systemische Blockaden zu orten. Murray Bowens hat festgestellt, dass Muster früherer Generationen einen Modellcharakter für das Familiengeschehen in der nächsten Generation besitzen können und nennt dies die Generationen übergreifende Übertragung von Familienmustern. Bei diesen Mustern kann es sich um Denkmuster, Beziehungs- oder Kommunikationsmuster handeln, aber auch das Nachahmen von Schicksalsschlägen oder emotionalem Empfinden wird beobachtet.

Das körperliche, soziale und emotionale Wohlbefinden eines Familienmitglieds steht in einer tiefen wechselseitigen Abhängigkeit vom Familiensystem. Eine positive Veränderung (im Verhalten, in der Gesundheit im Erfolg usw.) bedarf der unbewussten Zustimmung des gesamten Familiensystems. Genogramm BeispielDas Genogramm hilft uns das sogenannte „Big Picture“ über die familiären Glaubenssysteme zu bekommen, um dann Thema für Thema tiefer einsteigen zu können.

Ein Genogramm ist eine strukturierte Darstellung des Familienstammbaumes über mindestens drei, besser noch fünf Generationen hinweg. Entstanden ist das Genogramm in erster Linie aus der systemischen Familientheorie Murray Bowens (1978), welches den konzeptionellen Rahmen zur Analyse von Familienstrukturen in der Psychoanalyse bildet und sich ebensogut im Coaching einsetzen lässt. Zunächst müssen alle Ehen und eheähnlichen Beziehungen aufgelistet und näher beschrieben werden.

Schritt 1: Die Grundsymbole mit individuellen Daten füllen

Genogramm1Das Erstellen Deines Genogramms erfolgt unter Verwendung einer festgelegten Symbolsprache. Anhand dieser Darstellungsform ist es möglich komplexe Familienstrukturen transparent zu machen. Wie detailliert das Genogramm in die Tiefe gehet, hängt vom Coaching-Thema ab. Es gibt zahlreiche Arten der Genogramm-Sprache und deren Symbole. Wir verwenden im Wesentlichen die von Monika Mc Goldrick (Quelle: Genogramme in der Familienberatung).

Die Grundsymbole (siehe Grafik) bilden das Fundament. Pflege- oder Adoptivkinder werden mit einer gestrichelten Linie gekennzeichnet und mit einem „A“ oder „P“ versehen. Dabei ist zu notieren, ob das Kind zur Adoption frei gegeben wurde, oder ob es in der Familie aufgenommen wurde. (gleiches mit Pflegekindern)

Das Grundgerüst der Familienstruktur wird nun um wichtige Daten und Fakten ergänzt. Je nach Fragestellung sind unterschiedliche Informationen von Bedeutung. Grundsätzlich können folgende Informationen über die Mitglieder der Herkunftsfamilie (3-4 Generationen) für das bevorstehende Coaching-Thema von Interesse sein.

Wichtige demographische Informationen für jedes Mitglied der Familie könnten sein:
  • Name, aktuelles Alter (ggf. Alter bei Tod)
  • Herkunft (Geburtsort)
  • Woran und wo gestorben? (Unfall / Krankheit / Krieg)
  • verheiratet / geschieden / ledig / kinderlos
Lebensmuster innerhalb der Familie:
  • Schulausbildung / Studium (Höchster Bildungsgrad)
  • Arbeiter / Angestellter / Selbständig / Unternehmer
  • Bedeutung von Karriere, Erfolg, Ansehen und Geld
  • Work-Life-Balance
  • Welche Traditionen, Werte und „ungeschriebenen Gesetze“ wurden in der Familie gelebt?
  • Welche Grundstimmung herrschte in der Familie?
  • Bedeutung der Religion, Spiritualität

Schritt 2: Die partnerschaftliche Ebene

Es werden alle wichtigen Partnerschaften in das Genogramm eingetragen, auch wenn aus der Beziehung keine Kinder gezeugt wurden. Genogramm2Auch bedeutende Liebesbeziehungen und Paare, die unverheiratet zusammenleben werden in das Genogramm eingetragen und mit einer gestrichelten Linie verbunden. Dabei wird das Jahr notiert, indem sich das Paar kennen gelernt hat, bzw. zusammengezogen ist. Verschiedene Ehen bzw. Partnerschaften sollten in chronologischer Reihenfolge von links nach rechts gezeichnet werden. Heiratet ein Mann hintereinander mehrere Frauen, so wird die letzte Frau ganz rechts eingetragen. (die Reihenfolge insgesamt sollte die Timeline wiederspiegeln). Die Männer werden chronologisch links eingetragen.  Ist das Beziehungsmuster das Coaching-Thema, so kann es auch interessant sein „alle Männer“ mal chronologisch einzuzeichnen, um ein Muster zum Thema Beziehung zu identifizieren.

  • Heirat aus Liebe / ungewollte Schwangerschaft / zweckgebundene Ehe
  • Scheidung, Trennung, außereheliche Aktivitäten
  • Welches Rollenverständnis wurde innerhalb der Generationen propagiert / gelebt?

Schritt 3: Die gesundheitliche Ebene

geistige störungen Gibt es in der Herkunftfamilie (3-4 Generationen zurück) Mitglieder mit geistigen, seelischen oder körperlichen Störungen? Diese werden mit folgendem Symbol versehen und genauer spezifiziert. Dies könnten sein:
  • Geistige oder körperliche Behinderungen / Entwicklungsstörungen
  • Depression und Gefühl der Wertlosigkeit / Unzulänglichkeit
  • Angststörungen / Phobien / Zwangsstörungen
  • Leichte oder schwere Traumatisierung (Post Traumatische Belastungsstörung)
  • Autismus, ADHS
  • Schizophrenie
  • Aufenthalt in einer Psychiatrie
  • Selbstmord / Selbstmordversuch
  • Persönlichkeitsstörung (Border-Line, Schizoid, Änstlich-vermeidend, usw.)
  • Sexuelle Fehlorientierung
  • Demenz, Alzheimer, Erbkrankheiten 
  • AIDS
SuchtGibt es in der Herkunftsfamilie Menschen mit Suchtproblemen oder Zwängen? Diese werden mit folgendem Symbol versehen und näher beschrieben. Dabei wird unterschieden, ob die Sucht / der Zwang noch aktuell ist, oder ob es ein Thema aus der Vergangenheit ist. Wie wird / wurde damit innerhalb der Familie umgegangen?
  • Drogenabhängigkeit (LSD, Koks, Canabis…)
  • Tablettensucht
  • Alkohol (Konflikttrinker, Spiegeltrinker, Süchtiger Trinker..)
  • Spielsucht / Kaufsucht
  • Bulemie, Magersucht, Adipositas, sonstige Esstörungen
  • Zwangsstörungen (Waschzwang, Ordnungszwang, Messie…)
  • Sonstiges
Gibt es sonstige kritische Ereignisse in ihrer Herkunftsfamilie? Folgende Themen könnten relevant sein:
  • Kriegserlebnisse und Flucht
  • Erfahrungen mit politischer Verfolgung / Diktatur / DDR / Stasi
  • Mord / Unfalltod
  • Auswanderung / wichtige Umzüge
  • Schwierigkeiten mit dem Gesetz / Haftstrafen
  • Homosexualität
  • Insolvenzen
  • Sonstiges

Schritt 4: Emotionale Beziehungsmuster

Genogramm3Innerhalb der Familien gibt es zahlreiche Ausprägungen von Beziehungs, Verhaltens- und Kommunikationsmustern die einen Rückschluss auf das bewusste und unbewusste Glaubenssystem geben. Extreme Ausprägungen sind sehr distanzierte, konfliktreiche Verhältnisse bis hin zum totalen Kontaktabbruch oder die gegenteilige Ausprägung der emotionalen Verschmelzung zwischen einzelnen Mitgliedern des familiären Systems.

  • Wie haben Sie ihre eigene Mutter / Großmütter emotional erlebt?
  • Wie haben Sie ihren eigenen Vater / Großväter emotional erlebt?
  • Wie war / ist das Verhältnis unter den jeweiligen Geschwistern?
  • Für Eltern gilt: Wie ist das Verhältnis zwischen ihnen und ihren Kindern?
  • Mit wem aus ihrer 3-Generationen-Familie haben Sie das innigste Verhältnis?
  • Welche Themen / Streitigkeiten haben zu Kontaktabbruch und schweren Konfliten geführt?
  • Mit wem aus der 3-Generationen-Familie haben Sie die größten Konflikte?
  • Welche Personen nehmen innerhalb der 3-Generationen-Familie „viel Raum“ ein?
  • Wer ist aus ihrer Sicht „das Schwarze Scharf“ der Familie? Wer ist ihr Vorbild?

Schritt 5: Fakten zum Coching-Thema sammeln

Das Genogramm ist eine praktische Methode, die Fakten zu dem gewünschten Thema übersichtlich darzustellen. Nachdem Sie ihr Thema am Telefon mit dem Coach skizziert haben, wird dieser ihnen einen Hinweis geben, wo Sie genauer hinschauen sollten. Bei den nachfolgenden Themen handelt sich um eine beispielhafte Liste. Dreht sich in der ersten Sitzung alles um das Thema Beruf, dann schauen setzen wir auch inhaltich diesen Focus. Ein Genogramm entwickelt sich von Sitzung zu Sitzung und der Coach gibt Hinweise, wo der Klient für die nächste Sitzung näher hinschauen soll. Bei den ersten Sitzungen reichen in der Regel die Daten und Fakten aus, die ohnehin bekannt sind! Das Genogramm wird vom Coach in der Sitzung erstellt.

Je nach Thema können folgende Fragen relevant sein:

  • Welche Geschlechterrollen haben Mann und Frau in Deiner Familie gelebt?
  • Welcher Bildungsgrad (Schule, Studium) herrschte vor / wurde erwartet?
  • Welche Berufe wurden ausgeübt / waren erstrebenswert?
  • Wer in der Familie hat das Geld verdient und wie waren die Entscheidungsprozesse?
  • Wer sind die Vorbilder der Familie, wer die „Schwarzen Schafe“?
  • Wiederkehrende Ereignisse (Konkurse, Trennung, Unglück …)
  • Welche Werte, Regeln und Normen (Lebensweisen) wurden verherrlicht, welche  abgelehnt?
  • Gab es Krisen und welche Bewältigungsstrategien wurden eingesetzt?
  • Welche Familienregeln mussten eingehalten werden?
  • Nach welchen Kriterien wurde der Partner / die Partnerin ausgewählt ?
  • Welche Bedeutung hat das Thema „Liebe“ und „Angst“ in der Kommunikaton / Erziehung?
  • Welche Rolle spielte Geld und Erfolg?
  • Welche Rolle spielt Glaube, Religion und Spiritualität?
  • Welche Krankheiten / Süchte gab es und wie wurde damit umgegangen?
  • Wie wird mit dem Thema Ernährung, Gesundheit und Krankheit umgegangen?

Auch Muster, die keinen Krankheitswert haben können durch den Betroffenen als blockierend und störend empfunden werden. Die Psychoanalytikerin und Familientherapeutin Anne Ancelin Schützenberger sieht den Schlüssel zur Veränderung in unserem unbewussten Glaubenssystem:

Um eine Veränderung im Verhalten oder im Gesundheitszustand eines Kranken herbeizuführen, müsste man seine Glaubenssätze herausfinden und versuchen, den Hebel beim ganzen Familien-Beziehungsnetz anzusetzen, bei den Glaubenssätzen der Familie. Nur so kann man einen Veränderungsprozess der Familie in Gang setzen. (Oh, meine Ahnen, S. 60)

Die Befreiung dieser unbewussten blockierenden Wiederholungszwänge erfolgt mit der Methode BSDR. Diese Möglichkeit ein ganzheitliches Bild von seinem System zu erhalten ist wie eine wunderbare Reise durch die eigene Vergangenheit.