ICD-10 beschreibt, welches Verhalten von der Norm abweicht

Eine meiner Klientinnen kam zu mir in die Sitzung, weil sie mit ihrem Chef massive Probleme hatte –  vermutete bei diesem eine  Persönlichkeitsstörung. Wann aber dürfen wir von Persönlichkeitsstörung sprechen, wann gilt der Mensch noch als „normal“?

Was ist eine Persönlichkeitsstörung?

Die meisten Menschen sind in der Lage auf unterschiedliche Situationen flexibel zu reagieren. Im Unterschied dazu sind bei Menschen mit einer Störung der Persönlichkeit bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensstile sehr stark ausgeprägt und gleichzeitig starr und unflexibel. Die Störung kann unterschiedliche Facetten treffen, z.B. beim Erleben von Gefühlen, bei der Kontrolle von Impulsen, bei der Wahrnehmung der Realität, der Selbstwahrnehmung und letztendlich bei der Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen. Ein typisches Denkmuster lautet: „Ich bin nicht krank – die Anderen sind das Problem!“

Welche Persönlichkeitsstörungen gibt es?

Man könnte denken, dass wir die Antwort im Diagnosesystem ICD-10 finden. Dort sind im Teil F60 die Diagnosekriterien für Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen erfasst. Je nach charakterlicher Ausprägung werden die Persönlichkeitsstörungen in drei Hauptgruppen (nach dem „Drei-Cluster-Modell der Psychiatrie“) unterteilt. Und zwar in tendenziell absonderliches, dramatisches oder furchtsames Verhalten (siehe Grafik). Als ich die Kernsymptome las, war ich überrascht, da ich viele der aufgeführten Störungen als Persönlichkeitsstile kenne, die gemeinhin im Bereich des „Normalen“ liegen. Wo also liegt der Unterschied?

Nicht wenige Menschen erfüllen die Mindestanzahl von Kriterien einer oder mehrerer Persönlichkeitsstörungen, kommen jedoch in ihren sozialen Bezügen ohne große Probleme zurecht und gehören gelegentlich sogar zu hoch angesehenen Kreisen unserer Gesellschaft.“

Das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit

Die Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ darf in Deutschland aber nicht nur anhand der beschreibenden Kriterien nach ICD-10 gestellt werden. Zunächst einmal muss der Nachweis erbracht werden, dass die Abweichung von der Norm stabil und von langer Dauer ist und dass sie im späten Kindesalter oder in der Adoleszenz begonnen hat, und nicht durch andere Krankheiten oder die Einnahme von Drogen oder Medikamenten zurück zu führen ist. Weiter müssen laut Peter Fiedler zusätzlich mindestens eines der drei Prüfkriterien erfüllt werden:

  1. Die betreffende Person leidet selbst unter ihrer Persönlichkeit und ist dadurch in ihrer persönlichen, sozialen oder beruflichen Leistungsfähigkeit eingeschränkt.
  2. Es besteht das Risiko der Entwicklung oder Verschlimmerung einer psychischen Störung (z.B. Depression, Angststörungen, Suizidgefahr) oder der Persönlichkeitsstil steht eindeutig mit dieser Symptomatik im Zusammenhang. Hier hat der Therapeut die Pflicht seine Patienten über die Risiken aufzuklären.
  3. Die Betroffenen sind aufgrund ihrer Persönlichkeitseigenarten und damit auch eines erheblich eingeschränkten psychosozialen Funktionsniveaus mit ethischen Normen, mit Recht und Gesetz in Konflikt geraten. Das könnte bei Stalkern, Soziopathen oder Menschen mit Störungen der sexuellen Präferenz der Fall sein.

Liegt keines dieser Kriterien vor, darf auch keine Diagnose einer Persönlichkeitsstörung gestellt werden. Man spricht in solchen Fällen von einem markanten Persönlichkeitsstil. Diese Vorgehensweise leitet sich aus den Grundrechten des Menschen her, die etwa mit dem Artikel 2 des Grundgesetzes (Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit) der individuellen Ausgestaltung der Persönlichkeit großzügige Freiheiten einräumen. Ein anderes Vorgehen käme einer Zwangsdiagnose gleich, die in Deutschland nicht erlaubt ist.

Fest steht: Ob die Familie, die Kollegen, Mitarbeiter oder die Nachbarn unter dieser Persönlichkeit leiden, ist nicht ausschlaggebend für den Befund einer Persönlichkeitsstörung.

Monika Hoyer leitet das Institut bsdr4you, das Coaching, ganzheitliche Psychotherapie und Wissenstransfer anbietet. www.BSDR-Institut.de, coaching@monikahoyer.de

Literatur

Peter Fiedler (2007): Persönlichkeitsstörungen, 6. Auflage. Weinheim, Basel: Beltz Verlag

Ofenstein, Christopher M. (2013): Lehrbuch Heilpraktiker für Psychotherapie, 2. Auflage, München: Urban & Fischer Verlag

http://www.icd-code.de/icd/code/F60-F69.html

[1]   Siehe auch Praxis Kommunikation, Heft 03 Juni 2015
Angewandte Psychologie in Coaching, Training und Beratung
Text: Monika Hoyer | Artikel Download